Leben ohne Geld?

„...da wurde vorgeführt, dass man hier auch ohne Geld ganz gut leben kann. Wäre das eine Perspektive für Kritiker des Geldes, wenn das Schule machen würde?.…”

Sehr ernst kann ich die Frage nicht nehmen.

„.…ganz gut leben”, *indem man den lieben langen Tag damit verbringt, in Containern zu wühlen - dies hier auch noch verbotenerweise, also um den Preis der Bestrafung -, Tafeln zu frequentieren, Freunde und Bekannte um Unterkunft zu bitten, ausrangierte Kleidung beim Roten Kreuz zu suchen usw. Das „gute Leben” soll man also *vollständig damit zubringen, sich geldlos die elementarsten Lebensvoraussetzungen – essen, trinken, kleiden, wohnen – zu organisieren. Hat man mit seinem Leben nicht noch etwas vor, wenn Ernährung, Kleidung, Wohnung irgendwie gesichert sind? Hat man nicht Interessen und Wünsche, deren Erfüllung auf der Strecke bleiben, wenn das Leben ohne Geld zwangsläufig den Tag komplett ausfüllt. Sich selbst aus freien Stücken das Leben ohne Geld - die schlimmste Sorte Armut, die die hiesige Wirtschaft für die lohnarbeitende Menschheit bereit hält - nicht nur zum Lebensinhalt zu machen, nicht nur stolz darauf zu sein, dieses Leben zu überleben, sondern daraus auch noch eine Mission zu machen; sorry, aber das ist nicht nur zynisch, sondern einfach völlig bescheuert.

Damit könnte ich aufhören. Ich will aber noch die theoretischen Fehler dieser Überlegung an­sprechen: Wie, bitte schön, soll daraus eine „Perspektive *(!) *für Kritiker des Geldes” werden, wenn dieses „gute Leben” exakt das gesellschaftlich voraussetzt, was es doch überwinden will: Das Containern setzt nicht nur den ganzen kapitalistischen Konkurrenzzusammenhang von Land­wirt­schaft, dem Geschäft der Lebensmittelindustrie und dem des Handels der Supermarktketten voraus, sondern lebt zudem davon, dass der Staat in den Zusammenhang eingreift. Was man in Containern an Essbarem findet, das ist das Ergebnis des staatlichen Bemühens um eine Volksernährung, die irgendwie diesen Namen noch verdient. Er schreibt vor, dass die Endprodukte in den Regalen erstens noch was mit* Lebensmitteln zu tun haben und zweitens vor dem endgültigen *Verderben entsorgt werden müssen. Die geldlose Nutzung fremder Wohnungen setzt nicht nur den guten Willen von Mietern oder Eigentümern voraus, sondern dass Geldleute auf Grundeigentum Wohn­eigentum errichten und verkaufen oder aus dem Wohneigentum Miete herausschlagen; eine Miete, die vom Bewohner auch erst einmal verdient sein will. Usw. usw. Der Geldlose fristet also eine para­sitäre Existenz, was nicht von allzu großer Bedeutung wäre, wenn er dabei nur einigen Reichen ein wenig an ihr Portemonnaie gehe wollte. Bedeutung erlangt es durch seine – gelegentlich sogar mit antikapitalistischem Impetus vorgetragene – Mission, dass man ohne Geld ganz gut leben könne, die nicht mehr und nicht weniger als die komplette kapitalistische Geldwirtschaft zu ihrer Voraussetzung hat.

Überdies sollte der Containerfreak nicht vergessen, dass er zwischen Kleiderkammer und Tafel nicht im luftleeren Raum lebt, sondern als Staatsbürger 'verhaftet' ist – ob er das nun wahrhaben will oder nicht. Damit ist er auf den Rechtsstaat verpflichtet, mit dem er geldlos wie er herumläuft schnell in Konflikt kommt. Unter anderem deswegen, weil all das, was er zum Leben braucht, in Hülle und Fülle produziert worden ist, in den Regalen liegt und mit seinen Gebrauchseigenschaften eine Attraktivität besitzt, die manch einen vergessen lässt, dass an den Lebensmitteln Preisschildern kleben. Das bargeldlose Einkaufen und U-Bahnfahren 1 geht eben nur solange gut, wie es gut geht. Hinter jedem Geschäft, hinter jeder Dienstleistung steht eben schützend der Staat: Er sichert mit seiner Gewalt privates und staatliches Eigentum; und schützt damit dessen Funktion – eben dass es Geld abwirft.2

Nicht zuletzt daran könnte den Vertretern des geldlosen Lebens in der Geldwirtschaft klar werden, dass ihre „Kritik des Geldes” *an Naivität kaum zu überbieten ist: Der Witz des Geldes im Kapitalismus besteht eben nicht darin, dass es ein eigentlich *überflüssiges Kaufmittel ist - wie von ihnen mit dem Nachweis, dass man es für den Zugriff auf das Lebensnotwendige nicht brauchen würde, bewiesen werden soll. Leider trifft das Gegenteil zu: Es ist vielmehr – und das soll hier nur angedeutet werden

Weshalb zum Schluss festgehalten werden muss, dass die Demonstration, im Kapitalismus ohne Geld leben zu können, zugleich eine grandiose theoretische Verharmlosung dieser Wirtschaftsweise einschließt. Wer das Geld nicht leiden kann – in der Regel nur deshalb, weil er es nicht hat - , sollte sich zuvörderst einmal klar machen, warum das so ist, also was es in der kapitalistischen Ökonomie leistet und warum der Staat es für jedermann zur Pflicht macht, den Zugriff auf Waren jeder Art ausschließlich über Geld abzuwickeln.3

  1. Jetzt komm mir bitte nicht mit dem kommunalen geldlosen Nahverkehr. Bekanntlich leitet der nicht die geldlose Gesellschaft ein, sondern arbeitet gegen den „Kollaps in den Innenstädten” an. 

  2. Was sich besonders daran ablesen lässt, dass immer dann, wenn die Staatsgewalt mal an ihrer Schutzaufgabe gehindert ist, das große Plündern losgeht. 

  3. Erste Informationen dazu findet man in: M.Möhl, W.Wirth, Arbeit und Reichtum, München 2014